Wie lassen sich Zwänge besiegen?

Viele Betroffenen haben bereits einen sehr langen Leidensweg hinter sich, bei dem sie sich immer wieder gefragt haben: “Wie lassen sich meine Zwänge besiegen...?”. Der Ausweg aus den Zwängen erscheint dabei vielen Betroffenen fern und unerreichbar. Und trotzdem lassen sich Zwänge mit der richtigen Behandlung oftmals sehr gut verändern und reduzieren.


Der erste Schritt...

Am Anfang steht dabei jedoch für die meisten Betroffenen eine sehr große Hürde - nämlich die Aufgabe, sich ihrem Hausarzt oder einem Therapeuten mit ihren Sorgen und Ängsten anzuvertrauen. Dies ist für sehr viele Betroffene extrem schwierig, den die Zwänge sind oftmals sehr schambesetzt. Sehr viele Menschen mit Zwängen stellen sich immer wieder Fragen wie “Werde ich jetzt verrückt...?”, “Was würden die anderen bloß von mir denken, wenn sie von meinen Zwängen wüssten...?” und so weiter.

So vergehen im Normalfall wertvolle Jahre und zum Teil auch Jahrzehnte, bis sich die Zwangserkrankten ärztliche oder psychologische Hilfe holen. Was die meisten Betroffenen dabei übersehen: Zwänge sind eine “ganz normale” Erkrankung, die sogar relativ häufig ist.

Die Häufigkeit der Zwangserkrankungen wird auf ca. 1-4% geschätzt, das heißt in einer ganz normalen Großstadt wie Hamburg leiden ungefähr 15.000 bis 70.000 Menschen unter Zwängen! Nur sind die meisten dieser Betroffenen auch gleichzeitig “Experten” darin geworden, ihre Zwänge nach außen zu verstecken - mit der Konsequenz, dass sich die meisten Betroffenen als etwas “komisches”, “aussergewöhnliches” und “merkwürdiges” erleben, und die Tendenz eher dahin besteht, sich selbst zurück zu ziehen, damit niemand etwas von den Problemen mitbekommt.

Der erste Schritt, um die Zwänge wirklich besiegen zu können, besteht deswegen zunächst einmal darin, sich selbst die Erlaubnis zu geben, unter einer Krankheit zu leiden - und nicht etwa unter einer vermeintlichen persönlichen Schwäche oder Verrücktheit. Unter einer “ganz normalen” Krankheit, für die man sich ganz normal auch Hilfe holen darf, wie bei einer Grippe oder einem Beinbruch, nämlich zunächst einmal beim Hausarzt und dann bei einem in der Therapie der Zwänge erfahrenen Arzt oder Psychotherapeuten - und wenn irgendwie möglich, auch bei einer Selbsthilfegruppe, um im Austausch mit anderen Betroffenen zu erfahren, dass Zwänge wirklich etwas sind, das sehr viele Menschen kennen, auch wenn die Zwänge zunächst so komisch und merkwürdig erscheinen.

Im nächsten Schritt geht es dann darum, die Ursachen für die Zwänge zu ermitteln und festzulegen, welche Therapie am sinnvollsten ist.

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Kann ich meine Zwänge selbst besiegen?

Eine weitere, sehr häufige Frage von Betroffenen ist: “Kann ich meine Zwänge selbst besiegen?” Der Wunsch, die Zwänge selber besiegen zu können, ist gerade bei den Zwangsstörungen sehr hoch. Bei vielen anderen Erkrankugen fällt es den Betroffenen deutlich einfacher, sich von einem Arzt behandeln zu lassen. Aber gerade weil die Zwänge, wie oben bereits erwähnt, sehr häufig mit großen Schamgefühlen einhergehen, fällt es vielen Erkrankten schwer, sich fachliche Unterstützung zu holen.

Zurück zur oben genannten Frage: Lassen sich Zwänge von den Betroffenen selbst besiegen? Einerseits: JA! Letztendlich geht es gar nicht anders, denn die Zwänge können nur von den Betroffenen selbst überwunden werden. - Aber: Geht es auch ohne Unterstützung durch Ärzte oder Psychologen? Diese Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten.

Bei leichten Zwängen ist es sicherlich möglich, dass die Erkrankten ihre Zwänge alleine überwinden können. Sobald die Zwänge aber stärker ausgeprägt sind, und einen zum Beispiel jeden Tag beschäftigen oder von anderen Alltagstätigkeiten immer wieder abhalten, wäre es sinnvoll, zumindest ein Beratungs- und Diagnosegespräch bei einem entsprechend fachlich qualifizierten Arzt bzw. Psychologen oder in einer Spezialambulanz für Zwangserkrankungen zu führen.

Diese ersten Beratungsgespräche sind üblicherweise vollkommen unverbindlich, es muss also niemand die dort ausgesprochenen Empfehlungen für bestimmte Therapien oder Medikamente annehmen, wenn man es aus persönlichen Gründen nicht möchte. Trotzdem sind diese Beratungsgespräche sehr hilfreich, um sich selbst etwas besser orientieren zu können, welche Behandlungsmöglichkeiten es geben würde.

Erfahrungsberichte

Tom (32 J.):
“Ich leide seit meinem 8. Lebensjahr unter Zwängen. Seit der Pubertät sind die Zwänge immer stärker geworden. Ich habe dann über Jahre versucht, die Zwänge zu unterdrücken - aber immer wieder ohne Erfolg. Erst viel später, da war ich schon fast 30, hat mich meine Freundin ‘gezwungen’, zum Therapeuten zu gehen, weil sie es mit meinen Zwängen nicht mehr ausgehalten hat. Zunächst war ich ziemlich sauer auf sie, denn ich war vollkommen überzeugt, dass ich meine Zwänge selber besiegen könnte. Aber dann habe ich schließlich doch eingesehen, dass es nicht ohne Hilfe geht.

Der Anfang in der Therapie war für mich dann sehr schwer. Ich weiss noch, dass ich bei dem ersten Therapiegespräch am liebsten im Boden versunken wäre - da soll ich plötzlich jemand völlig fremden meine persönlichsten Dinge berichten? Aber mit der Zeit habe ich dann festegestellt, dass die Gespräche mit dem Therapeuten für mich immer einfacher wurden, und dass er mir doch sehr helfen konnte. Heute sind die Zwänge fast verschwunden - und ich muss meiner Freundin doch danken, dass sie mir damals den Druck gemacht hat - auch wenn ich zunächst total von ihr enttäuscht war, weil sie nicht in meine ‘Selbstheilung’ geglaubt hat.”


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